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Erzählung vor einem Gericht

Montag 5. Januar 2009

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Vor dem Verwaltungsgericht in N. erhebt sich an einem Morgen im September 20xx eine Ausländerin ohne Aufenthaltsberechtigung, die gegen die vom Präfekten bereits verfügte Ausweisung klagt, und tritt vor den Richter.

Herr Richter, sagt sie, ich habe Einspruch erhoben gegen die Verfügung des Präfekten, mich über die Grenze abzuschieben. Wenn Sie diese Verfügung bestätigen, werde ich in das Land zurückgeflogen, das ich unter schmerzlichen Opfern und unkalkulierbaren Risiken verlassen habe. Die Instanzen Ihres Landes haben die Gründe, aus denen ich geflohen bin, nicht anerkannt und mir das Asyl verweigert. Heute werden die Gründe, aus denen jede Rückkehr einen Angriff auf mein Privatleben, ja eine Gefahr für mein Überleben bedeutet, nicht berücksichtigt. Und obwohl ich Sie sehr schätze, habe ich kaum Hoffnung, dass Sie meinen Argumenten zugänglich wären, angesichts der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen, die Ihr Land derzeit mit meinem Herkunftsland knüpft: alles ist dort in bester Ordnung, Herr Richter, alles ist in Ordnung. Lassen Sie mich Ihnen nur mitteilen, bevor Sie grünes Licht für meine Ausweisung geben, dass ich Ihr Territorium nicht allein verlasse, sondern dass ich ein Werk mitnehme, das ich in Zusammenarbeit mit P. konzipiert habe, einem Künstler Ihrer Nationalität. Sie brauchen nicht meinen Bauch zu mustern, da können Sie nichts feststellen, ich bin nicht schwanger, ich erwarte kein Kind, dessen Geburt in diesem Land es zu einem hiesigen Bürger machen und mir die Aufenthaltserlaubnis erwirken würde. Meine Beziehung zu P. ist rein freundschaftlich und künstlerisch. Seinen Anteil an dem Werk hat er meinem Gedächtnis anvertraut; ich bin dessen Treuhänderin und Deuterin, die Mitautorin in dem Maße, wie es in meinem Gedächtnis heranreift. Dieses Werk ist eine Erzählung. Die Erzählung von einem künstlerischen Projekt und dessen Wirkung. Hören Sie diese an, so wie ich sie heute vortrage, schon morgen werde ich sie anders erzählen.

Vor einiger Zeit hatte ein Ausstellungskurator von internationalem Ansehen P. eingeladen, mit ihm die Verantwortung für eine Ausstellung versuchsweise zu teilen. Er bot ihm an, zehn Werke verschiedener Künstler auszuwählen, die neben anderen in einer anerkannten Galerie in London gezeigt werden sollten. Ein paar Tage später liest P. in der Zeitung, dass ein junger Iraker an der Einfahrt in den Tunnel unter dem Ärmelkanal starb, und zwar unter den Rädern des Lastwagens, mit dem er England erreichen wollte. Dieser fatale Versuch wirkt auf ihn wie die Verkehrung des Vorschlags jenes Kurators. Die Einladung, auf der anderen Seite des Ärmelkanals Werke auszustellen, wird überlagert von der Unmöglichkeit für manche Menschen, dieses bisschen Wasser zu überwinden. Wie kann man diese Einladung, Werke hinüberzuschaffen, dazu nutzen, Personen hinüberzuschaffen? Nun arbeitet P. schon seit einiger Zeit mit einem Erzähler zusammen, dem er seine künstlerischen Erfahrungen anvertraut, damit dieser sie öffentlich verbreite, nach Maßgabe seines Könnens und seines eigenen Gedächtnisses. So entsteht die Idee, eine Zusammenarbeit von anerkannten Künstlern mit jenen Transitpersonen herbeizuführen, Werke zu konzipieren, die sich weder in einem Objekt noch in einem Text materialisieren noch in anderen greifbaren Formen, sondern die eine derartige Immaterialität behielten, dass allein ihre Träger es vermöchten, sie durch ihre spezifischen Fähigkeiten zu realisieren, etwa erzählen, ein Instrument spielen, tanzen, singen, unterrichten… Werke also, deren Präsentation in London es nötig machen würde, jene ausweislosen Künstler, Mitautoren und alleinigen Interpreten dieser Originalwerke über den Ärmelkanal zu bringen. Werke also, die die legal Eingereisten zu Schleusern machen würden. Er sucht also Künstler, Forscher, Choreographen, Filmemacher, Komponisten auf, deren Versuche und Methoden zu dieser Idee passen könnten. Ihm erscheint es wichtig, dass es um mehr geht als bloße Patronage, es soll sich um wirkliche Zusammenarbeit handeln, von der jeder etwas hat. Die Künstler antworten, und die Zusammenarbeit mit den Visalosen kann mit Hilfe von Unterstützern und Hilfsorganisationen beginnen. Der Choreograph zeigt eine Verkettung von Bewegungen, die er der jüngsten Geschichte des zeitgenössischen Tanzes entnimmt, einem jungen Kurden, der sie ausführt, dabei aber um neue Gesten bereichert. Der Komponist ersinnt ein Musikstück für ein Instrument, das ein Afghane auf seinem langen Fluchtweg gebaut hat. Ein Konzeptkünstler umschreibt mit wenigen präzisen Worten eine Skulptur, die von einer Nigerianerin mit Wörtern voller Heimweh ausgestaltet wird.

Diese Schleuser von Werken schreiben an die französischen und englischen Behörden, um die Erlaubnis zur Einreise nach England zu erhalten und der ehrenvollen Einladung Folge zu leisten und die Werke vorzustellen, deren Mitschöpfer, Mitträger und Mitdeuter sie sind. Sie erhalten keine Antwort. Die Künstler schreiben ihrerseits, um den Trägern ihrer Werke die Einreise zu ermöglichen, damit deren Präsentation in London zustande kommt. Der Präfekt antwortet, dass es angesichts der irregulären Situation jener Personen nicht möglich ist, ihrer Bitte nachzukommen und weist sie überdies darauf hin, dass jede Hilfeleistung für illegale Einreisen oder Aufenthalte einen Straftatbestand darstellt.

In seiner Eigenschaft als zweiter Kurator der Ausstellung schreibt P., um die Einreise der zehn Personen zu erbitten, welche die Gesamtheit der Werke in sich tragen, die er ausgewählt hat. Er bekommt dieselbe Antwort, ergänzt um den Hinweis, dass die Strafe für jenes Delikt mindestens verdoppelt wird, wenn es von einer organisierten Bande verübt wird. Der Hauptkurator der Ausstellung schreibt, dass die Einreiseverweigerung für jene zehn Personen seine Ausstellung um wesentliche Beiträge amputiert. Ihm antworten die britischen Behörden, dass bilaterale Verträge zwischen dem britischen und dem französischen Innenministerium verhindern, seiner Bitte nachzukommen. Aus Angst vor der Reaktion seiner wichtigsten öffentlichen Förderer schreibt der Leiter der Galerie überhaupt nicht. Keiner der Schleuser erhält eine Einreiseerlaubnis nach England. Am Tag der Vernissage in London entdeckt das Publikum neben den gezeigten Werken, die von anderen Mitkuratoren ausgewählt wurden, zehn Schilder, die auf die fehlenden Werke verweisen. Man liest dort die Titel jener Werke und die Namen der Mit-Wirkenden sowie die Erläuterung, dass die französischen und die britischen Behörden den ausführenden Urhebern die Einreise verweigert haben und die Veranstalter deshalb zu ihrem Bedauern jene Werke nicht präsentieren könnten.

Die Besucher werden aufgefordert, Beschwerdebriefe an die Behörden zu schicken. Sehr viele tun es, aber niemand erhält eine Antwort. Einige der daran beteiligten Künstler sind anwesend. Man drängt sie, ihre Werke selber vorzuführen; das lehnen sie ab, aber sie berichten von ihren Erfahrungen. Das spricht sich herum. Ein Boykott wird organisiert, dem sich Künstler anschließen, die genug davon haben, dass sich an ihren Werken jene bereichern, die sie nicht kritisieren dürfen. Musiker, die sich lösen wollen von den transnationalen Firmen, Autoren, die den Verlagen entkommen wollen, deren Eigentümer Waffenhändler sind, Bildhauer, die nicht mehr den spekulativen Kunstmarkt beliefern wollen, beschließen, nichts mehr zu veröffentlichen oder auszustellen oder aufzuführen. Sie erinnern sich daran, dass es schon einmal einen literarischen Widerstand gab, in dem Männer und Frauen verbotene Bücher allein in ihrem Gedächtnis aufbewahrt und nur jenen anvertraut haben, die es wollten. Sie sind bereit zur Gegenaktion und jetzt, wo nicht mehr Bücher unter Wäsche verborgen, sondern Menschen in LKWs versteckt zirkulieren, ihre neuesten Schöpfungen dem Gedächtnis jener anzuvertrauen, diekeine Papiere und keine Rechte haben, deren Existenz selber geleugnet wird. Sie verbannen jede materialisierte Form ihrer Werke: nur noch Bücher oder Filme oder Platten, deren Zirkulation allein durch Mitwirkung von persönlichern Trägern möglich ist. Werke entstehen nur noch durch Zusammenarbeit: der Träger passt das Werk seinem Gedächtnis an, bereichert es durch seine Geschichte und sein Wissen. Er gibt es auf seine Weise wieder, mehr oder weniger vollständig oder fragmentarisch, mehr oder weniger originalgetreu oder vermischt. In der ersten Zeit zwingt die mehr oder weniger illegale Situation der Mit-Schöpfer dazu, die Darbietungen auf heimliche Zusammenkünften zu beschränken. Eines Tages wird eine Frau verhaftet. Ihr Aufenthalt ist illegal, sie hat keine Papiere, ist aber Trägerin eines Werkes. Das Gericht erachtet die Tatsache, dass sie ein immaterielles nationales Kulturgut hegt, nicht als Hinderungsgrund ihrer Abschiebung und bestätigt die Ausweisungsverfügung trotz des Protestes des künstlerisch Mitwirkenden, der anwesend ist und sich ein wenig leichtfertig auf das unveräußerliche Urheberrecht beruft. Während ihrer Inhaftierung und vor ihrer effektiven Ausweisung mehren sich die Kunstliebhaber, die sie besuchen und das Werk kennenlernen wollen. Die Anrufe der Menschen, welche die Besuchszeiten wissen wollen, blockieren die Telefonzentrale und lassen die Polizeiwache, in der sich die Arrestzellen befinden, wie einen Theatersaal tönen. Die Fälle von Kollaboration mehren sich. Es sind nicht mehr nur die Künstler, die ihre Schöpfungen dem Gedächtnis der Papierlosen anvertrauen: Wissenschaftler machen es mit ihren Entdeckungen, große Zeitzeugen mit ihren Memoiren, Meisterköche mit ihren Rezepten; und im Rhythmus der Ausweisungen geht Stück um Stück auch das nationale Gedächtnis außer Landes. Zwar gelangen nun nicht mehr die Werke und die Künstler ins Ausland, wohl aber ihr Ruhm. In allen Ländern üben die Künstler Druck auf ihre Behörden aus, damit diese Träger ausländischer Werke einreisen lassen. Die Weigerung der Behörden erzeugt in Künstlerkreisen das Empfinden, von den neuesten Entwicklungen abgeschnitten zu sein. Sie erfahren davon nur noch durch vereinzelte Reisende, die das Werk in diesem oder jenem Land gehört haben; oft stammen die Berichte nicht aus erster Hand, sondern wurden schon vom einen zum andern weitergesagt, sind durch mehrere Gedächtnisse gegangen. Sie verklären sich und vermischen sich mit dem Echo der Erfolge in dieser Ausstellung oder bei jenem Kolloquium. Die Künstler verlassen immer häufiger die sich abschottenden Länder. Die künstlerischen Aktivitäten verlagern sich an die Grenzen. Auffanglager für Ausländer wandeln sich zu Kunstzentren, während die künstlerischen Institutionen der abgeschotteten Länder verkommen. Um zu verhindern, dass die Sammlungen rückständig und die Museen lethargisch werden, zeigen sich die Konsulate jener Länder allmählich flexibler und erteilen Werk-Trägern Einreiseerlaubnisse, während diese allerdings immer noch darauf warten, dass ein Richter, der womöglich ästhetisches Empfinden besitzt, den Ausweisungsbeschluss aufhebt, der gegen eine von ihnen besteht. Meinen

Gruß und Dank an alle, die Ohren haben, um zu hören. Das Urteil wird zur Beratung ausgesetzt.

P.S.

Anmerkung: Die Ausstellung I Am A Curator wurde von Per Huttner im November 2003 in der Chisenhale Gallery in London organisiert. Das beschriebene Projekt wurde nicht realisiert und blieb im Zustand der Idee.

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